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'Finde deine Balance...... und wo verdammt noch mal hab ich den Beckenboden gelassen!

Als ich Ende der 80iger den Verdacht auf MS zugesprochen bekam, erlag ich erst einmal einen Blackout. Selbstfinaniziertes Studium, selbstverantwortliches Arbeiten in einem Architekturbüro mit den besten Chefs der Welt und dann noch die Diagnose MS... Meine Sicherheit und meine Zukunft brach zusammen.

Doch dann konnte ich mich wieder aufrichten, indem ich mir sagte, dass die MS erst dann in meinem Leben einen Platz bekam, wenn ich nicht mehr auf einem Bein stehen könnte und so lebte ich wundervolle und spannende 20 Jahre ohne die Krankheit.

Doch, ich weiss nicht, ob es die Wechseljahre waren oder einfach nur die Aufregungen in meinem Leben, sie kam dann und nahm mir meine geliebte Balance, sodass ich nicht mehr auf einem Bein stehen konnte. Ganz plötzlich. Und dass als Yoga-Lehrerin.

Aber es geht auch gar nicht so sehr darum auf einem Bein möglichst lange zu stehen und vielleicht auch noch die Augen zu schliessen oder den Fuss hinter den Kopf zu ziehen und ein Mantra zu singen. Für mich geht es darum zu spüren, was in meine Körper geschied, wie ich mich erden kann über meine Fusssohle, wie ich das Fundament über Füsse und Beine verwurzelt kann und  mein Haus, also meinen Körper, sicher aufstellen kann.

'Harmonie, Balance und Gleichgewicht in jeder Lebenslage, möge sie glücklich oder unglücklich sein, dies ist als Zustand des Yoga bekannt.'                              Bhagavad Gita

So ist mein Gang, meine Bewegung, meine Aufrichtung durch die MS in jedem Augenblick beeinflusst und ich nehme die Instabilität zu jeder Zeit war. Ich falle zu Beispiel auch gerne und viel und hoffe bei jedem Sturz, dass ich meine Knie nur äusserlich verletzt werden. Schürfwunden sind ok, aber bitte, bitte keine Verletzungen der Bänder oder gar schlimmer, weil es dann noch mehr Einschränkungen in meiner Bewegung zur Folge haben kann.

Das Verrückte an meinem Beruf ist es ja auch, dass unsere Gesellschaft oder die Menschen die an Yoga interessiert sind, ja immer wieder verwundert sind, wenn ein Yoga-Lehrer mal sagt, dass seine Bewegung eingeschränkt ist. 'Wie?... Du bist doch Yoga-Lehrer???' Du hast Rückenschmerzen? Wie kannst du fallen? DU hast auch Probleme mit der Verdauung? Das beste war meine Gynäkologin, die meinte, dass meine Inkontinenz eine Folge der Menopause sei und händigte mir ein Blatt mit Beckenbodenübungen aus. Auf die Antwort 'Ich bin doch Yoga-Lehrerin und kenne meinen Beckenboden', lächelte sie nur. Doch als sie mich bei der Untersuchung bat, meine Beckenboden anzuspannen, zog sie den Finger wieder raus und sagte 'ok, am Becken kann es nicht liegen...' und dann lächelte ich. 

Und da sind wir schon beim Thema:

Der Beckenboden ist meine Balance.

Meine innere Stabilität, meine Kraft mich immer wieder aufzurichten. Er trägt mich und er schützt mich. Und natürlich war er früher kraftvoller und immer einsetzbar. Aber früher war er mir nicht bewusst, er war einfach da und funktionierte. Heute, mit dem Wissen der Einschränkung, des Älterwerden und meines Yogas, ist er mein Freund und Begleiter. Ich kenne und spüre seine Komplexität und schätze ihn sehr. 

Gut trainierte Bauch- und Gesäßmuskeln, davon träumen viele Frauen. Aber nur die wenigsten wissen, daß der Beckenboden enormen Einfluss auf unsere Gesundheit, Energie, Ausstrahlung und Lebensfreude hat. Wir schenken ihnen erst Beachtung, wenn er schlapp macht und wir feststellen, was er täglich für uns leistet bzw. geleistet hat.

Der Beckenboden verbindet die Beine mit dem Oberkörper und richtet uns auf. Durch ihn stehen wir fest auf den Boden. Der Beckenboden ist der Schlüssel zu allen Bewegungen , zur guter Haltung, zu einer Dynamik, stabilem Gleichgewicht und harmonischer Koordination. Wer den Beckenboden aktiviert, wird leistungsfähiger, fitter und fühlt sich wohler und sieht sofort besser aus. Bewegt man sich bewusst aus dem Beckenboden hinaus, verändert sich sogar die ganze Rumpfmuskulatur und die ist wieder ein Part in unserem MS-Körper, der gerne schlapp macht.

Also sind es nicht immer nur die Beine, die wir mit Übungen stärken müssen, sondern auch Beckenboden und, ganz wichtig, Bauch- und Rumpfmuskulatur, die wieder aufgebaut werden muss. Eine meiner absoluten Lieblingsübungen für die Stärkung deiner Rumpfmuskulatur findest du z.B. unter 'Der rechte Winkel' hier in meinem Blog.

Aber die Frage war ja 'Wo ist dieser Beckenboden?'

Wir unterscheiden da in drei Schichten, die äussere, die mittler und die innere Schicht.

 

Die äussere Schicht ist das, was uns mit der Inkontinenz in Berührung bringt. Sie verläuft direkt unter der Hautschicht und du kannst sie dir als eine Schlaufe in Form einer Acht vorstellen und verbindet das Schambein mit dem Steißbein. Dies Beiden Ringmuskeln verschliessen dann After und Harnröhre und sind komplett unabhängig von den beiden anderen Schichten. Nur in Dammpunkt, er liegt zwischen Vagina und Anus, finden wir einen Punkt der alle drei Schichten miteinander verbindet und wenn du den Beckenboden mit einer sanften Anspannung nach innen lenkst, kann du in ganz deutlich spüren. Dieser Punkt hat für uns Yogies eine ganz besondere Bedeutung, er ist ein Kraft- und Energiepuntkt und ist der sitz des untersten Chakra, des Wurzelchakras oder Muladhara-Chakra und steht für Erdung und Vertrauen.

Die mittlere Schicht, und sie ist für uns die interessante Schicht, liegt über der äusseren Schicht und ist von beiden Seiten in eine Schicht festen Bindegewebes eingebettet. Sie sitz wie ein Dreieck zwischen den Beiden Sitzknochen und dem Schambein. Ihre Hauptaufgaben ist die Stabilisierung des Beckens und spielt für die Statik der Wirbelsäule mit.

Setzt Dich dabei auf ein Kissen oder auf eine Stuhl und spüre erst einmal die Erdung über die Sitzknochen. Richte dich aus deiner Lendenwirbelsäule über dein Brustbei in die Krone des Kopfes So auf, dass du eine Streckung über die ganze Wirbelsäule bekommst. Die Schultern rollen nach hinten, unten Weg und die Schulterblätter ziehen sich leicht nach unten und zusammen. Bringe dein Bewusstsein zu deine Sitzknochen und ziehe sie sanft zu einander. Versuche aber dabei nicht den Pomuskel zu aktivieren, der hat nicht so viel mit dem Beckenboden zu tun.

Die innere Schicht kann man sich als Schale des Bauchraumes vorstellen und ist fächerförmig ausgekleidet. Sie verläuft vom Kreuzbein zum Schambein und Besitz ein enormes Schwingungspotenzial, welches sich beim Singen, Sprechen und auch beim Atmen bemerkbar macht.

Ahhhhh..... and by the way

Der Beckenboden hat auch eine besondere Bedeutung beim Sex, weil der Orgasmus auf einem wellenförmigen Wechsel von Muskelanspannung  und -entspannung basiert. Bei einem schlaffen und schlecht durchbluteten Beckenboden sind die erregenden Bögen eher wie die auslaufenden Wellen eines Teiches und daher viel weniger aufregend als die kräftigen Wellen eines Ozeans. Frauen, die ihre Beckenbodenmuskulatur präzise an- und wieder entspannen können, steigern nicht nur ihr eigenes Lustempfinden, sondern auch das ihres Partners.

.....und vielen Dank noch mal an Rundum Yoga für den Raum